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Saudi-Arabien: gelebte Geschichte

Saudi-Arabien wurde als politische Einheit im Jahr 1932 gegründet. Andererseits hat das Land sowohl in soziokultureller als auch in politischer Hinsicht Wurzeln, die weiter zurück in die Geschichte reichen.

Die „Saudi-Phase“ ist lediglich das aktuellste Kapitel in der langen arabischen Historie. Die Arabische Halbinsel wurde für tausende von Jahren von semitischen Stämmen besiedelt. Einige dieser Stämme migrierten später in die Region des antiken Mesopotamiens und Assyriens, wo sie Zivilisationen gründeten. Den Römern war die Arabische Halbinsel im zweiten Jahrhundert n. Chr. als „Arabia Petrea“ bekannt (zusammen mit zwei anderen Regionen: Arabia Deserta und Arabia Felix).

 

Die Geburt des modernen Saudi-Arabien

Das moderne Saudi-Arabien geht zurück auf die Mitte des 18. Jahrhunderts, als mehrere Regionen in nur wenigen Jahren vereint wurden. Als Resultat einer ägyptischen Invasion, die durch die Ottomanen angeordnet wurde, endete der erste saudische Staat 1818. Der zweite saudische Staat wurde bald darauf unter Faisal bin Turkey gegründet. Der größte Teil der Arabischen Halbinsel kam unter die Herrschaft dieses Staates, der bis 1891 existierte. 1902 etablierte Abdulaziz bin Abdulrahman, der Enkel von Faisal bin Turki, seine Regentschaft in Riad, wo später der dritte saudische Staat proklamiert wurde. Dessen Staatsgebiet wurde später erweitert und im Jahr 1932 entstand schließlich das moderne Königreich Saudi-Arabien.

Internationale Einflüsse auf der Arabischen Halbinsel

In der Zeit seit der Gründung des ersten saudischen Staates war das Gebiet der Arabischen Halbinsel nicht gegen Einflüsse von außen abgeschottet. Zusätzlich zu den Pilgern, die nach Mekka strömten, und den wirtschaftlichen Beziehungen mit der umliegenden Region kamen auch viele Reisende aus Europa und anderen Gebieten nach Arabien und in die Nadschd-Region, in der die weiteren saudischen Staaten gegründet wurden, trotz diverser geographischer und kultureller Hindernisse. Drei dieser Reisenden kamen zu einer Zeit, in der sie die ersten beiden saudischen Staaten erleben konnten: der Schweizer Johan Ludwig Burkhard (1784–1817), der Finne Georg August Wallin (1811–1852) und der Engländer Charles Doughty (1843–1926). Ihre Aufzeichnungen sind trotz einiger Ungenauigkeiten und Beschränkungen wertvolle Augenzeugenberichte über die damaligen soziokulturellen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse des Gebiets. Die meisten dieser Besucher kamen nicht nur als Reisende ins Land, sondern auch als Wissenschaftler und Orientalisten. Manche kamen auch als Muslime.

Der moderne saudische Staat

König Abdulaziz, Gründer des modernen saudischen Staates 1932, initiierte einen ehrgeizigen Modernisierungsprozess. Das Land musste Organisationen und Institutionen formen, die für die Regierung, Administration, Justiz, Bildung und Sicherheit nötig sind und vorher nicht existierten. Hunderttausende nomadische Beduinen mussten ausgebildet und mit den soziökonomischen Notwendigkeiten eines urbanen Lebens vertraut gemacht werden. Der Erfolg, den König Abdulaziz während seiner Regentschaft erzielte, war phänomenal, besonders wenn man die Größe der Herausforderungen bedenkt, vor denen er stand. Saudi-Arabien ist heute eines der modernsten Länder des Mittleren Ostens. Der andere, anspruchsvollere Erfolg war es, Einigkeit, Stabilität und Sicherheit auf der Arabischen Halbinsel zu schaffen, etwas, das diese sie in ihrer über tausendjährigen Geschichte nicht gekannt hatte.

Ein Teil dieses Modernisierungsprozesses war es, starke Verbindungen mit anderen Teilen der Welt und mit Experten aufzubauen, um die Modernisierung des Landes voranzutreiben. Einige Namen von Arabern und Europäern, die am Aufbau Saudi-Arabiens beteiligt waren oder dessen Zeuge wurden, sind: St. John (später Abdullah) Philby, Captain William Shakespear (Engländer), Youssef Yassin, Khairelddin Zirikli (Syrer).

Die Söhne des Königs Abdulaziz

Der Modernisierungsprozess konnte unter den Regentschaften von Abdulazizʼ sieben Söhnen nach dessen Tod im Jahr 1953 herausragende Erfolge verzeichnen. Während der Regentschaft von König Saud (1953–1964) brachte Saudi-Arabien das erste Aufkeimen einer modernen Regierungsform, mit Ministerien und dem Ministerrat. Die erste Universität der Arabischen Halbinsel öffnete ihre Tore in Riad 1957, als Bildung im ganzen Land mehr Bedeutung zugemessen wurde. Mit Hilfe der starken Wirtschaft konnte das Land seine hochmoderne Technik in den Bereichen Transport, Landwirtschaft, Kommunikation, Handel, Sicherheit und Militär ausbauen. Als König Faisal 1964 den Thron bestieg, wurde Saudi-Arabien eine einflussreiche Kraft auf der Weltbühne. Die Bildung von Mädchen, die bereits während der Regentschaft von König Saud an Bedeutung gewann, wurde weiter ausgebaut, indem Schulen für Mädchen etabliert wurden. Die Geschwindigkeit der Modernisierung wurde weiter beschleunigt, begünstigt durch die hohen Ölpreise in den 1970er Jahren.

Der Öl-Boom

Die Auswirkungen der steigenden Ölpreise und der starken Wirtschaft konnten bis zum Amtsantritt von König Khalid (1975–1982), der nach dem plötzlichen Tod von König Faisal 1975 König wurde, ihre volle Kraft entfalten. Mit der Hilfe von Kronprinz Fahd stieß König Khalid eine beispiellose Welle von Strukturprojekten an, die das ganze Land auf allen Ebenen betraf. Diese Periode wurde als die „tafrah“-Jahre („tafrah“ = der Sprung) bekannt, die alle Bereiche des Lebens veränderten.

Die Regentschaft von König Fahd (1982–2005) wurde ebenfalls begleitet von zahlreichen Großprojekten, die die positive Einstellung des Königreichs gegenüber Bildung und Strukturprojekten festigten und die politische und wirtschaftliche Rolle des Landes als weltgrößter Ölproduzent manifestierten. Saudi-Arabien übernahm fast im Alleingang die Aufgabe, die negativen Auswirkungen von fluktuierenden Ölpreisen auf die Weltmärkte abzudämpfen. Das bisher wichtigste Ergebnis dieses Erfolgs war die Wahl des Landes in die G20 während der Regentschaft von König Abdullah (2005–2015). Unter der Regentschaft von König Abdullah hat die Entwicklung Saudi-Arabiens eine maßgebliche Wende auf einigen Gebieten vollzogen. Diese bezog sich insbesondere auf den Bereich Bildung und die Befähigung von Frauen, sich zu verbessern und einen soliden Status zu erreichen, trotz Protesten ultrakonservativer Gruppen. Ebenfalls wurde die erste koedukative Universität, eine Weltklasse-Forschungseinrichtung, am Roten Meer gegründet.

Nach dem Tod von König Abdullah 2015 hat sein Bruder König Salman den Thron bestiegen, zu einem Zeitpunkt, als das Öl seine Bedeutsamkeit als Säule der saudischen Wirtschaft zu verlieren drohte. Die neue Regentschaft musste sich demnach einer neuen Herausforderung stellen: das Land auf einen Pfad hin zu mehr Entwicklung zu bringen, indem andere Einnahmequellen erschlossen werden. Mit Hilfe der Vision 2030, die im April 2016 von Vizekronprinz Mohammad bin Salman, Leiter des Rates für wirtschaftliche Entwicklung, gestartet wurde, soll Saudi-Arabien ein neues Kapitel seiner Geschichte beginnen. Ein Kapitel, das verspricht, noch robuster und progressiver zu werden, und das Potential einer seiner besten Ressourcen, der Jugend und zukünftiger Generationen, maximieren wird.